Liebe Leserinnen und Leser

Nachdem das Thema der vergangenen Woche schon Sorge/Angst war, bekam ich in dieser Woche eine Ansprache per E-Mail zugesandt, die ich mit Ihnen und Euch teilen möchte (Michael Becker, Wege aus der Angst, ANSPRACHE aktuell 4. Oktober 2022 mbecker@buhv.de ).

Der Traum Experte Prof. Thomas Loew gibt in einem Interview (focus.de 24.9.22) Ratschläge, wie Menschen ihre in dieser Zeit größer werdenden Ängste tragen und vielleicht mildern können.

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Menschen haben Angst. Sie gehört zum Leben. Angst ist nicht immer berechtigt; aber trotzdem ist sie da. Zurzeit ist sie bei vielen größer als sonst. Die Welt scheint zu zerfallen. Wohin man schaut und hört, gibt es Krisen. Da ist der Krieg, die Teuerung, der Hunger in vielen Teilen der Welt – dazu die Angst, dass es immer noch schlimmer kommen könnte.

Angst kann man nicht weg reden oder kleinreden. Man sollte sie auch nicht belächeln, sondern ernst nehmen. Das tut der Trauma Experte Thomas Loew. Er ist Professor für Medizin und Psychotherapie in Regensburg. In einem Interview warnt er davor, Ängste kleinzureden oder sich gar darüber lustig zu machen. Auch wenn nicht jede Angst berechtigt ist, sei sie ja da und sollte ernst genommen werden. Denn, so Loew, es gebe auch Wege aus der Angst oder doch zumindest Wege, mit der Angst besser leben zu können.

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Und dann nennt er drei Möglichkeiten, sich allein und mit anderen in seinen Ängsten zu stärken und zu ermutigen.

Die erste Möglichkeit ist, sich klar zu machen: Ich kann meinen Alltag bewältigen. Es gelingt mir, die alltäglichen Dinge mit Anstand zu tun und zu regeln.

Die zweite Möglichkeit ist: Mein Leben hat einen Wert. Ich kümmere mich um andere, um meine Kinder und Enkel oder um Freundinnen und Freunde. Dieses Sich-kümmern-können sei ein hoher Wert und gebe einem selbst Halt und Vertrauen in sich.

Schließlich, als Drittes: Ich mache mir bewusst, dass ich so fühle, wie ich fühle – und ich erkenne, dass die Krisen der Welt mich bedrängen. Mit anderen Worten: Ich erkenne, dass ich an meinen Ängsten nicht schuld bin; und andere sich so fühlen wie ich. Das macht ein wenig ruhiger, vielleicht auch etwas stärker.

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In der Welt haben wir Angst. Das sagt Jesus (Johannes 16,33): In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Jesus will unsere Angst nicht weg reden, sondern auf etwas Besonderes verweisen: Dass wir die Welt überwinden können; dass wir eine gewisse Geborgenheit empfinden können, ein Aufgehoben-sein bei Gott. So hat es Jesus empfunden. Es hat ihm geholfen. Es hat seine Ängste nicht zum Verschwinden gebracht, aber es war ihm ein gewisser Halt zu glauben: Gott ist größer als die Welt und ihre Krisen.

Menschen haben Angst. Angst gehört zu unserem Leben. In den letzten Monaten ist sie gewachsen, die Angst, mit dem Leben nicht mehr zurechtzukommen. Die Angst ist berechtigt. Aber wir können uns dagegen auch wehren. Eine große Hilfe ist jedes Wissen um und jedes Empfinden von Geborgenheit – in der Familie, mit Freunden, in der Nachbarschaft und unserer Gemeinschaft oder Kirchengemeinde. Hier finden wir den Trost des Zusammenhalts.

Unser Glaube an Gottes Beistand ist wie ein Nest; wie ein Glaubensnest, aus dem wir nicht herausfallen.

Bild myriams-fotos-1627417, pixabay.com/de/users

Soweit die Gedanken von Thomas Loew und an sie anknüpfend von Michael Becker, Ängste nicht kleinzureden, sondern sie erst zu nehmen und dann Verhaltensweisen zu entwickeln und einzuüben, innere Stärke gegen die Ängste auf- und auszubauen. Beziehung und Einordnung werden genannt, und am Ende der Glaube an Gottes Beistand.

Mir kam beim Lesen dieser Ansprache wieder einmal die Erkenntnis, die ich theoretisch schon so lange weiß und lebenspraktisch immer noch viel zu wenig umsetze: Der Glaube an Gottes Beistand, die Beziehung zu Gott werden durch das Gebet gestärkt und trainiert. Von Jesus wird wiederholt in den Evangelien berichtet, dass er sich nach „Großveranstaltungen“, in denen er mit vielen Menschen zu tun hatte und es anstrengend war, in die Einsamkeit zurückgezogen hat, um zu beten.

Ich vermute, es könnten u.a. folgende Prozesse dabei wichtig gewesen sein:

  • Jesus hat das Erlebte vor Gott gebracht, es mitgeteilt, geteilt und in die Beziehung als Thema hineingenommen.
  • Dabei wird sich das Erlebte ein Stück auch für Jesus selbst geklärt haben, wie das so ist, wenn man einem Anderen etwas erklärt (selbst wenn Gott die Erklärung nicht bräuchte, für die Beziehung ist es gut.)
  • Indem Jesus ausspricht, was für ihn Thema ist, kann er sich von dem, was ihn belastet, auch ein Stück distanzieren, es für sich klären und abgeben und damit wieder frei werden für neue Begegnungen (ich bin nicht mehr mit den unzähligen Leuten von gestern beschäftigt, sondern kann die spezielle Situation des einen Menschen sehen, der mir gerade jetzt begegnet!)
  • Indem Jesus das anspricht, was gut war und ihn begeistert, tröstet, stärkt, bleibt ihm das Gute und Schöne bewusst und kann als Kraftquelle wirken. Ihren Ort hat diese Seite des Gebets im Loben und Danken, weil ich mich darin auf das Gute konzentriere, das mir widerfahren ist.

All das und mehr wird auch bei dem letzten langen Gebet Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung im Garten Gethsemane eine Rolle gespielt haben und war der Hintergrund des Ringens zwischen Jesu eigenem Willen („ich will nicht leiden und sterben!“) und dem, was er als Willen Gottes für sich verstanden hat („Aber nicht, wie ich will, sondern wie Du willst!“

Ich denke, Gebet ist eine Kraftquelle gegen die Angst, die wir (ich jedenfalls!) viel zu wenig nutzen und auf zu wenige Bereiche des Lebens anwenden. Denn Beten ist viel mehr als bitten, klagen, loben oder danken – in erster Linie ist es still werden und hinhören auf Gott und daraus neuer Kraft und Offenheit zu gewinnen für das, was jetzt gerade dran ist!

Ich wünsche Mut, das Gebet neu zu wagen und wunderbare Erfahrungen damit!

Ihr/Euer Pastor Schnoor