Liebe Leserinnen und Leser

Heute sprenge ich das Format dieser „Wochenandachten“, die nun schon seit einiger Zeit 14-tägig erscheinen. Mich hat diese Woche ein längerer Text aus einem kleinen, aber gehaltvollen Buch erreicht, das ich mir in der Corona-Zeit gekauft habe, und das mich neben anderen „geistig-geistlichen Helfern“ durch diese Zeit gebracht hat:

Christina Brudereck, Trotzkraft, Flügel Vlg, Essen 2. Aufl. 2021.

 Er passt bei mir in diese Woche und meine Befindlichkeit, darum teile ich ihn, obwohl er die Länge von 2 Din-A4 Seiten deutlich sprengt. Nächstes Mal wird es wieder kürzer! Versprochen!

Übrigens, nicht wundern, aber Christina Brudereck schreibt „Gott“ immer „G-tt“.

Text 134

Wieder-Gut

Ganze Felder sind von Heuschrecken vernichtet worden. Die Ernte einer Saison. Konkret, damals in Israel: Weizen, Gerste, Weintrauben, Feigen, Oliven, Granatäpfel, Datteln. Alles ratzeputze weggefuttert von einer Ungezieferplage. Der Schädlingsschwarm kam wie eine dunkle Wolke. Und danach waren die Felder nackt. Wo vorher noch Früchte standen, Ähren  oder Trauben, ist jetzt nur noch der abgenagte, blanke Stängel zu sehen. Die Lebensgrundlage ist weg. Das Einkommen einer Familie. Das Ergebnis harter Arbeit und langer Mühe. Da spricht der Prophet Joel ein Versprechen aus — im Namen G-ttes:

»Ich erstatte euch die Jahre, die die Heuschrecke fraß.« (Joel 2, 25)

Die Covid-19-Pandemie ist für viele so eine Zeit. Und viele kannten sie schon vorher. Zeiten, die die Heuschrecke fraß. Zeiten, in denen du krank warst. Oder zu passiv. Die Zeit, in der deine Gebete nicht erhört wurden. In denen du abgewiesen wurdest. Nicht eingeladen.

Auf der Stelle getreten bist. Du hast in ein Projekt investiert — und es wurde nicht gewürdigt.

Du hast jahrelang einen Menschen geliebt — und wurdest enttäuscht. Zeiten, in denen sich nichts getan hat. Die Verlobung gelöst, die Ehe geschieden. Die Fehlgeburt. Wartezeiten. Auf das erste Kind. Das zweite Kind. Als du nicht genug Arbeit hattest. Nicht ausreichend Geld. Keine Freiheit. Als niemand da war, der mitgeholfen hat. Als du zu alleine warst. Als du Mist gebaut hast Nicht in den Spiegel gucken konntest. Kräfteraubende Zeiten. Heuschreckenzeit. Nicht gelungen, nicht geglückt. Leer. Bedeutungs­los. Vergeblich. Verschwendet. Stunden wurden von Schädlingen gefressen.

»Ich erstatte euch die Zeit.« Was für eine große Verheißung! Wer müde ist, zynisch, keine Kraft mehr hat, der und die hofft: Eines Tages werde ich leichtfüßig tanzen. Wenn wir tief-traurig sind und nicht mehr wissen, wie weitermachen. Wenn wir scheitern. Oder diese Welt uns verzweifeln lässt.

Dann werden die prophetischen Verse unser Ge­bet: Ach, möge dieses Leben nicht endgültig alles sein. Ich merke in dieser Zeit, dass so ein Vers nicht abgedreht ist, sondern Kraft hat; ja die Rettung sein kann.

Ich lerne: Die prophetischen Worte sind glück­licher als unsere Wirklichkeit. Gut so! Die bibli­schen Worte sind satter, satter als das Leben, das wir kennen. Und alle, die jemals Hunger hatten und Sehnsucht kennen — und alle, die verrückt werden, weil andere immer noch hungern — die finden hier Trost. Die heiligen Texte sind oft üppiger, blühen­der, freier, grüner. Sie sprechen die Sprache der Träume, der Bitten und Wünsche.

Ja, eine prophetische Vision, eine Hoffnung auf G-ttes Welt, kann eingesetzt werden als eine Ver­tröstung auf irgendwann. Ihre Stärke aber ist, dass sie dem Diesseits die Alleinherrschaft abspricht. Im Licht der Ewigkeit wird der miesen Zeit die Endgül­tigkeit abgesprochen. Der prophetische Blick sieht mehr als nur unsere korrupte Gegenwart. Ich erlebe: Wir brauchen solche Worte, die glücklicher sind. Die anders sind als das Hier und Jetzt. Worte, die wir uns nicht selbst sagen können. Und sie sind ja außerdem schön.

Unsere Zeit, jede Zeit mit großen Herausforde­rungen, sozialen, ökologischen, religiösen, ganz pri­vaten, braucht eine Geschichte, die die Kraft hat, zu verbinden. Kraft, kreative Lösungen zu finden. Worte, die diese Welt anders beschreiben, als wir es könnten. Eine Erzählung, die zeigt, was uns allen heilig ist. Und wenn ich »heilig« sage, meine ich göttlich, himmlisch, unverfügbar. Und ich mei­ne wirkmächtig. Kräftig, wirksam, stärkend. Das Gegenteil von heilig ist daher nicht böse, sondern kraftlos, belanglos, allzu alltäglich. Prophetische Worte sind nie abgedroschene Worte. Sie sind genau das Gegenteil. Üppig. Gefüllt. Erfüllend. Reif. Worte, die heilig sind und daher stark genug, uns miteinander zu verbinden. Worte, die hier und jetzt um uns werben, dieser Welt ein noch anderes Leben wünschen.

Wir wissen nicht, was noch aus dieser Welt wird, aber wir wissen, wie sie werden soll. Wie sie gut ist, frei und satt. Es gibt keine Sicherheiten für die Zu­kunft. Aber Gewissheiten. Verheißungen. Wir ha­ben diese prophetischen, frechen Lieder der Freiheit. Die singen vom Leben, wie es einmal werden wird. Die Heuschreckenjahre werden erstattet. Die Schre­ckenszeit wird wiedergutgemacht. Wieder merke ich: Ich bin so froh, dass wir die Bibel haben. Ja, sie ist fremd. Genau das ist ihre Schönheit. Wenn ich nur noch auf die Nachrichtensprecherin höre, werde ich verrückt. Es wird nicht reichen!

Es ist nicht genug, gut informiert zu sein. Wir brauchen mehr. Prophetische Texte überdauern die Zeiten, aber das heißt nicht, dass sie zeitlos sind: Sie beschenken mich heute. Fordern mich heute heraus. Noch einmal anders hinzugucken. Ich liebe den Glauben, das Judentum, Christentum, die Kir­che, unsere Erzählgemeinschaft, Tradition für diese Worte, diese Lieder, diese Träume. Dieser Heu­schrecken-Vers ist abgedreht. Und: G*tt sei Dank gibt es noch solche Worte. Die uns irritieren. Die der Gegenwart widersprechen. Die wir nicht sofort verstehen. Die mehr wissen als wir. Sie erzählen dem Herz von Hoffnung.

»Ich erstatte euch die Jahre, die die Heuschrecke fraß.« Was tun wir — bis es so weit ist? Keinen Weizen mehr anbauen? Keinen Weinstock? Olivenbaum? Abwarten? Oder schon mal anfangen? Ich meine: Unbedingt schon mal anfangen. Warten wir nicht auf die besten Umstände! Die Hoffnung vertraut, dass richtig ist und sinnvoll, was wir tun. Sie kann die Dinge nicht einfach so treiben lassen. Sie ver­traut auf ein Happy End. Und handelt heute schon mal so, als würde es eintreffen.

Die matschige Jesreel-Ebene wurde in den letzten Jahren zu einer Kornkammer. Die israelischen Orangen sind weltberühmt. Bei Beersheba blüht die Wüste Negev. Pro Jahr werden etwa 800 Mil­lionen Schnittblumen exportiert, Rosen, Lilien, Nelken, Gladiolen und Narzissen. Im ganzen Land wurden Brunnen und Bewässerungsanlagen ge­baut. Viele Millionen Bäume wurden gepflanzt und verbessern das Klima. Warte nicht auf die bes­ten Umstände! Beginne schon jetzt.

Dazu braucht es eine bestimmte Sorte Mut. Mut, aus der Vergangenheit zu lernen. Aber nicht in ihr gefangen zu bleiben. Der Prophet ruft mit seinem Zukunftsbild dazu auf: Aus den Fehlern zu lernen. Dort nicht stehenzubleiben. Weiterzugehen. Es neu anzupacken. Ein Prophet ist hebräisch ein »Navi«. (Wie Navigationsgerät. »Sie befinden sich auf der besten Route. Sie haben Ihr Ziel erreicht«.)

Navi, vom Verb nawa, »rufen«. Könnte übersetzt werden: Aktiv, ein Rufer, Ruferin, oder passiv, ein Berufener, eine Gerufene. Beides ist möglich. Navi: Nicht ein Voraus-Sager, sondern ein Heraus-Sager, Heraus-Sagerin. Die prophetische Stimme ruft eine Einladung aus: Lasst uns dem, was ist, und dem, was war, die Endgültigkeit absprechen. Unsere Ge­wohnheiten verändern. Nach vorne gucken. Deine Familie, Herkunft, Erziehung, deine Chancen, dein Pech, deine Pleiten, deine schlechten Erfahrungen, deine Heuschreckenschwärme — das alles ist Vergan­genheit. Es prägt noch die Gegenwart. Aber die pro­phetische Stimme weiß: Die Zukunft wird anders. Bleib nicht in der Vergangenheit.

Mach nicht immer wieder die gleichen Fehler. Warte nicht auf die besten Umstände! Beginne schon jetzt. Du nimmst ernst, was du fühlst: Scham, Rache, Reue. Du nimmst die Vergebung an. Ver­gibst dir selbst. Schwelgst nicht in Selbstmitleid. Beginnst von vorne. Öffnest dein Herz.

Und zu Ihrer Zeit wird G-tt das Ihre tun. Und dann könnte es so wahr werden: »Ich erstatte euch die Jahre, die die Heuschrecke fraß.« Du siehst auf die leeren Stunden, die schweren Jahre, die müden Zeiten — und du siehst: Sie sind deine Lebenszeit. Sie gehören zu dir. Nicht als tote Jahre, sondern als Lebensjahre. Sie haben dich zu der Person gemacht, die du heute bist. Sie haben dich etwas lernen las­sen, was gebraucht wird. Und damit ist zumindest etwas wiedergutgemacht.

Nun muss ich zugeben: Ich kann an so einem Vers auch verzagen. »Ich erstatte euch die Jahre, die die Heuschrecke fraß.« Echt? Wann? Wann endlich? Wie? Wie genau? How many roads denn noch? »How long must we sing this song?« (U2) Wie viel Zeit muss ins Land gehen? Wie viele Tote müssen noch untergehen? Wie oft müssen wir solche Protest­songs noch singen? Zu meinem Leben gehört mein G-ttvertrauen. Und zu meinem Leben gehört der Zweifel. Ja, ich lebe als Gläubige. Als Christin. Mit G-tt. Ich kann naiv vertrauen. Kindlich staunen. Laut singen. Aber mein Glaube gründet nicht in meiner Erfahrung. Diese Welt ist oft zu stark.

Die Heuschrecken sind Bomben auf Aleppo, Er­trinkende im Mittelmeer, Zäune in Europa, die Mauer in Israel und Palästina, der Hunger welt­weit, der Fundamentalismus, die Gewalt und die Gleichgültigkeit, Vorurteile, Hatespeech und On­line-Hetze, Antisemitismus. Heuschrecken sind die eigene Empfindlichkeit, Bequemlichkeit, Ignoranz. Der Krebs. Die scheiß Metastasen. Die Pandemie.

Ich kann an so einem Vers auch verzagen. Die Hoffnung der Prophetinnen und Propheten befragt G-tt: »Wann? Wann denn erleben wir Wie­dergutmachung? Ausgleich? Wann endlich fließt das Recht wie ein starker Strom? Wann werden alle satt und getröstet? Wann werden wir heil an Leib und Seele?«

Das sind ungeduldige Worte. Die G-tt anspornen. Bedrängen. In den Ohren liegen. Zeig Dich doch’. Zeig Dich als G-ttheit! Mit diesem G-tt zu leben bedeutet auch: An diesem G-tt manches Mal verrückt zu werden. An diesem G-tt zu leiden. An seiner Unverstehbarkeit. An ihrer Dunkelheit. An G-ttes ätzender Stummheit

Aber ich habe etwas entdeckt: Ich lerne den Glau­ben auch durch das Vermissen. Wir lernen nicht nur durch das, was wir erleben, was schon wahr ist, son­dern auch durch das, was fehlt. Je älter ich werde, desto mehr merke ich: Das Vermissen ist ein fester Bestandteil meines Glaubens. Ich gehöre zur Ge­meinschaft der Gläubigen. Und zur Gemeinschaft der Zweifelnden. Ich will G-tt weiter feiern, mit Brüchen und Fragen. Zusammenkommen, um mit G-tt zu träumen von einer Zeit ohne Not. Ich kann nicht aufhören, G-tt zu vermissen. Ich kann, ich will nicht anders, als auf ein Happy End zu hoffen.

Prophetische Worte sind für die Menschen da. Sie wollen uns erinnern. An das, was noch kommt. Trösten. Aufrütteln. Ermutigen. Herausfordern. Verhindern, dass wir alles hinnehmen. Sie geben der Sehnsucht recht. G-tt in dieser Welt zu ver­missen — ist nicht so schön. Aber es ist eine Art, mit G-tt zu leben. Vorläufig. Solange es noch Heu­schrecken gibt. Wespen, Krebs und Arschlöcher. Wir nennen die Prophetinnen und Propheten »Einflüsternde«. Wenn uns der Zeitgeist seine Bot­schaft diktieren will, sind sie die Persönlichkeiten, die mutig, sanft-mütig widersprechen. Sie können dabei krass radikal sein. Aber was vielleicht noch schwerer ist: Sie können auch einfach anders sein. Ursprünglich, fromm. Sie können schlicht sein. Wer will denn schlicht sein? Einfach eine andere Haltung verkörpern. Anders reagieren als normal. Als alle. Anders leben. Eben zuversichtlich. Hoffen und weitersuchen, wenn alle sich abgefunden ha­ben. Einfach, entschieden, vertrauensvoll, im guten Glauben. G-tt zu vertrauen, das ist in unserer Zeit prophetisch. Nicht aufzuhören, von der Hoffnung zu schwärmen. Trotzig. Auch wenn wir sie ver­missen. Weil wir sie vermissen. Denn sonst ist sie irgendwann ganz verschwunden. Also sind wir ge­rufen, Navis zu sein in unserer Zeit. Prophetinnen und Propheten. »Liebe Welt. Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht. Aber wir sind nicht allein auf unserer Lebensreise.«

Ich wünsche gute letzte Spätsommer-Tage und interessante Strecken durch das, was kommt!

Ihr/Euer Pastor Schnoor