Jesusbilder in der Kunst, Theologie - Sonstiges, GRIN

Liebe Leserinnen und Leser

Kennen Sie, kennt Ihr das auch? Du weißt etwas eigentlich schon eine ganze Zeit, so dass es irgendwie normal geworden ist, nicht mehr wirklich aufregend. Und dann kommt dieser Gedanke plötzlich von einer ganz anderen Seite in Dein Bewusstsein, und Du merkst neu, wie spannend und außergewöhnlich das eigentlich ist.

Mir ging das mit der Lesung und dem Predigttext vom letzten Sonntag so. Beides zusammen sind 3 Gleichnisse, die Jesus zum Thema „das Verlorene“ erzählt (Lukas 15). Der Predigttext beginnt mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf, in dem der Hirte die übrigen 99 Schafe auf der Weide stehen lässt – sie brauchen seine Aufmerksamkeit im Augenblick nicht so, sondern kommen alleine klar – um dieses eine Schaf zu finden, das alleine wahrscheinlich sterben würde. Dann folgt das Gleichnis von der verlorenen Silbermünze, in der eine Frau das ganze Haus auf den Kopf stellt, um diese Münze wiederzufinden. Und dann wird in beiden Gleichnissen mit Freunden und Nachbarn gefeiert, weil das Verlorene wiedergefunden wurde. So weit, so schön! Aber dann kommt jeweils noch ein Vergleich. So wie sich diese Menschen freuen über etwas Wiedergefundenes, so freut sich der Himmel, so freut sich Gott mehr über einen Menschen, der von falschen Wegen umkehrt als über all die, die das nicht nötig haben.

Dass er die Übrigen auch liebt, macht dann die Lesung mit dem dritten Gleichnis deutlich. Meist heißt es „Der verlorene Sohn“, aber da liegt mir der Schwerpunkt zu viel auf moralischer Beurteilung. Im Laufe der Zeit habe ich andere Titel ausprobiert: „Der wiedergefundene Sohn“, „Der verlorene Vater“ oder „Die zwei Brüder“. Und jedes Mal bekommt das Gleichnis ein etwas andere Ziel! Dem, der sich verirrt hatte und wieder umkehrt, eine neue Chance zu geben. Der klammheimliche Neid des „braven“ älteren Sohnes, der immer lieb Zuhause geblieben ist, der nicht das Risiko eines eigenen Lebens eingegangen ist und sich dafür in moralischer Überlegenheit sonnte und wütend ist, dass sein Bruder trotz dessen Versagen die Aufmerksamkeit bekommt, die er, der Ältere gerne gehabt hätte: „Bei dem schlachtest du das gemästete Kalb und ich habe nicht einmal…“

Oder die Erfahrung, trotz Scheitern immer noch eine Heimat, immer noch einen Vater zu haben, obwohl der Sohn selbst das nicht mehr glaubte und ihn nur die nackte Not zurückbrachte, um „Arbeiter für den Vater“ sein zu können. Er selbst sah sich nicht mehr als Sohn, der Vater hatte nie aufgehört, ihn als Sohn zu sehen und zurückzusehnen.

Wie gesagt, diese Gedanken hatte ich schon länger im Blick auf diese Gleichnisse, und sie sind mir wert und teuer, aber auch zur Gewohnheit geworden, wie manchen Menschen der wunderbare Spruch: „Gott liebt dich!“. Schön, aber auch manchmal Phrase, weil ich es so oft gehört habe, dass ich das Besondere nicht mehr begreife.

Beim Vorbereiten und vielleicht mehr noch beim Halten der Predigt am letzten Sonntag, ist mit dann aber der Aspekt „Der verlorene Vater“ neu bewusst geworden und auch eine andere rein menschliche Erfahrung in Gruppen, die ich seit meiner Vikarsausbildung kenne – theoretisch wie praktisch. Sie trägt den Namen: „Die Macht der Abwesenden“ und zeigt sich so. Es hat Spannungen gegeben in einer Gruppe, die nicht behoben worden sind. Eine/r oder einige aus der Gruppe kommen nicht zum nächsten Treffen mit Gründen, die die Übrigen nicht ganz verstehen können. Der Effekt ist dann, die Gruppe grübelt darüber, was wirklich vorgegangen ist, was schief gelaufen ist, wie das geklärt werden kann. Die Abwesenden sind also das Thema, egal, was eigentlich als Thema geplant war! Und weil sie abwesend sind, kann man sie nicht fragen und fängt an zu spekulieren und bringt all die eigenen Gefühle mit hinein, die den Abwesenden gelten von Sorge bis Ärger! Du gehst und lässt uns hier mit den offenen Fragen allein, und die Verstimmung zwischen uns soll doch nicht das letzte Wort zwischen und haben!

Was mich so bewegt hat, ist der Gedanke Jesu in diesen Gleichnissen, dass all das nicht nur für uns Menschen gilt, sondern die Macht der Abwesenden auch für Gott gelten soll.

Das sage ich euch: Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.« Das ist keine moralische Position, sondern Gott vermisst den Einen, die Eine, die fehlt, so sehr, dass er wie beim „verlorene Sohn“, einfach unendliche Freude erfährt und dem älteren Sohn, der das moralisch betrachtet, fast flehend seine Position mitzuteilen versucht: Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Hat der ältere Bruder verstanden, haben die Frommen, mit denen Jesus sich unterhielt damals verstanden, verstehen wir heute?

Dieser Gedanke für Gott, den Jesus in diesen drei Gleichnissen zum Ausdruck bringt, ist unglaublich: Gott ist nicht das ferne höhere Wesen, das alles geschaffen hat und nun aus der Distanz unbeteiligt zuschaut, was wir hier so treiben, unser Tun und Lassen moralisch bewertet und am Ende das Urteil spricht, ob es mit uns aufwärts oder abwärts geht, sondern Gott ist mit einem Bild Martin Luthers „ein Backofen voller Liebe“, der es nicht erträgt, wenn Menschen sich selbst verlieren und zu Verlassenen, zu Verlorenen werden. Gott selbst fühlt sich dann verlassen, und Gott verliert, verliert einen seiner Menschen, den er zum Leben bestimmt hat, zur Gemeinschaft mit ihm, er verliert sie und fühlt jenen Schmerz des Verlustes, wenn Liebgewonnenes verloren geht, verloren ist, jene Trauer, jene Verzweiflung, jenes: „Wo bist du?“, das Liebende sagen.

 Was für ein Gedanke, dass jede und jeder von uns Gott so wichtig ist, auch diejenigen, die wir moralisch verachten, dass Gott darunter leidet und auf Rückkehr wartet und in Jesus den Menschen nachgeht und seit Jesus auch Menschen einlädt, in den Fußstapfen Jesu den Menschen nachzugehen.

Darum endet ja auch das Gleichnis vom „Verlorenen und wiedergefundenen Vater“ mit einem offenen Ende. Wird der „rechtschaffene“, ältere Bruder mit ins Haus kommen und an der Feier für den wiedergewonnenen Bruder teilnehmen? Oder wird der Bruder nicht mehr Bruder, sondern „dieser dein Sohn“ bleiben, der sein Leben falsch gelebt hat und moralisch abgeurteilt ist. Wie sehe ich, wie siehst Du das? Und was bedeutet das für den Alltag? Ich weiß das noch nicht genau, aber der Gedanke, dass Gott auch noch den vermisst, von dem ich froh bin, wenn ich ihn nicht zu sehen brauche, dieser Gedanke gibt mir zu denken!

Eine gesegnete Zeit, erfüllte Tage und einen wachen Geist für das, was heute dran ist!

Ihr/Euer Pastor Schnoor