Liebe Leserinnen und Leser

Am Sonntag haben wir Erntedank gefeiert mit einem Gottesdienst in der Marienkirche in Norderbrarup, die nach langer Zeit der Sanierung wieder eingeweiht wurde. Sie ist schön geworden und verbreitet eine andere, gute Atmosphäre.

Atmosphäre, darum geht es im Herbst und bei Erntedank. Zu sehen, ich habe wieder genug zum Leben gehabt, ich habe Gutes empfangen, wir haben Gutes empfangen und genug zum Leben. Indem ich das erkenne und denke, kann ich den einen Schritt weiter gehen und danken, denn sprachlich kommt „danken“ von „denken“.  Ganz anders die Atmosphäre in einem Gleichnis, das Jesus erzählt und das Lesung des Evangeliums für Erntedank ist:

Lukas 12, 16-21

 »Die Felder eines reichen Grundbesitzers brachten eine besonders gute Ernte.

Da überlegte er: ›Was soll ich tun? Ich habe nicht genug Platz, um meine Ernte zu lagern.‹

Schließlich sagte er sich: ›So will ich es machen: Ich reiße meine Scheunen ab und baue größere. Dort werde ich dann das ganze Getreide und alle meine Vorräte lagern.Dann kann ich mir sagen: Nun hast du riesige Vorräte, die für viele Jahre reichen. Gönn dir Ruhe. Iss, trink und genieße das Leben!‹

Aber Gott sagte zu ihm: ›Du Narr! Noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern. Wem gehört dann das, was du angesammelt hast?‹

So geht es dem, der für sich selbst Schätze anhäuft, aber bei Gott nichts besitzt.«

Hier findet sich kein Dank, das Denken wendet sich sofort der Lösung eines durch die besonders große Ernte geschaffenen Problems zu. Und die Lösung, größere Scheunen und das einzige „Du“ in der ganzen Geschichte ist wieder der Mensch mit der großen Ernte – er führt Selbstgespräche!

Wie ist das mit Ihnen? Haben Sie alles in der Scheune? Absicherung ist auch bei uns kein kleines Thema.  Man möchte sein Schäfchen im Trockenen haben. Die Lebensversicherung, das eigene Haus, damit ich unabhängig bin. Man möchte die Kinder in einem guten Beruf untergebracht wissen. Möchte sie glücklich wissen in ihrer Familie. Sie sollen es einmal besser haben. Und so geht es eigentlich das ganze Leben durch. Nach dem Motto: »Was man hat, hat man« versucht man, sich und die Familie zu versorgen, abzusichern, die Scheune zu füllen.

Zwei Gedichte von Rainer Maria Rilke liebe ich sehr und will an sie erinnern. Das erste heißt »Herbsttag«.

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin und jage

die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Herbsttag (Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Frankfurt 1987, S. 344)

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Ist es das, was uns zur Sorge treibt, die Scheunen übervoll füllen lässt mit Eigentum? Ist es die Sehnsucht, ein Haus, eine Bleibe zu haben über den langen Winter? Ist es die Angst vor dem Alleinsein, vor dem Angewiesensein, vor dem Ausgeliefertsein? Ist es diese Angst, eines Tages, vor allem dann im Herbst und Winter des Lebens, nicht mehr gestalten zu können, nur noch Abhängigkeit und Warten?

Der reiche Kornbauer im Gleichnis ist einer, den wir betrauern sollten. Er ist arm dran, ist ein verzweifelter Mensch. Er hat das Geschenk des Lebens nicht ausgepackt. Er hat es vor lauter Sorge gar nicht gelebt. »Wer jetzt kein Haus hat …«

Das andere Gedicht heißt »Herbst«.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

Herbst (Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Frankfurt 1987, S. 346)

Das ist ein etwas anderer Herbst. Da ist auch Fallen, da ist Einsamkeit. Der Herbst des Lebens ist geprägt vom Fallen. Und doch beschreibt der Dichter das Fallen ohne Angst, ohne Hast. Er versucht nicht, Gewalt und großem Aufwand ein Netz zu spannen unter das fallende Blatt, versucht nicht, den Herbst aufzuhalten aus Angst vor dem Winter. Er sagt auch, warum: »Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.«

Das ist wahrscheinlich die Weisheit und die Kraft des Herbstes, das Loslassen-Können. Die Gelassenheit. Die fehlt dem reichen Kornbauern. – uns fehlt sie wahrscheinlich oft auch.

Wie wäre es, die Sicherheiten um unser Leben abzubauen, das Geschenk zu öffnen, zuzulassen, dass es auch fällt, weil »einer dieses Fallen sanft in seinen Händen hält«?

Es kommt nicht darauf an, alles in der Scheune zu haben. Es kommt darauf an, die Hand zu entdecken, die mich hält. »Reich sein bei Gott«, nennt Jesus das.

Nicht der, der die Scheune voll und sein Leben abgesichert hat, kann richtig Erntedank feiern. Richtig Erntedank feiert der, der Gott gefunden hat, bevor der Winter kommt.

Ich wünsche Ihnen und Euch einen gesegneten Herbst und Dankbarkeit für die Ernte des Lebens, die den 3. Oktober deutlich überdauert! Ihr/Euer Pastor Schnoor

Mit Dank an Gerhard Engelsberger für seine Gedanken aus: Gemeinde auf dem Weg durch das Kirchenjahr, Gütersloh 2013, 194-197, die mich stark inspiriert haben.

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