Liebe Leserinnen und Leser

Im letzten Jahr habe ich mir ein Buch der Theologin und Autorin Tina Willms gekauft: „Momente, die dem Himmel gehören“. Gedanken, Gedichte und Gebete für jeden Tag, Neukirchener Vlg. 2021. In diesem Jahr fange ich an, die darin enthaltenen Texte für jeden Tag am jeweiligen Tag zu lesen. Und heute teile ich einen dieser Texte mit Ihnen und Euch.

10. JANUAR

Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.

OFFENBARUNG 3,8A

»Herzlich willkommen!«

Meine Freundin steht in der offenen Tür. »Komm rein, ich habe schon Kaffee gekocht«. Drinnen ist es warm und gemütlich, Blumen und Kuchen stehen auf dem Tisch, und der Kaffee duftet. So ein Empfang tut gut. Ich fühle mich angenommen und geborgen.

Ich habe auch schon vor verschlossenen Türen gestanden. Wenn ich schnell noch etwas einkaufen wollte, der Laden aber schon zu war. Wenn jemand nicht zu Hause war.

Im Laufe des Lebens bemerke ich, dass einige Türen sich für immer schließen und manche Chancen nicht mehr wieder­kommen. Das ist bitter. Oft übersehe ich dann die Wege, die sich an anderer Stelle für mich auftun.

Und dann gibt es auch die Türen, die einmal offen waren, aber später zugeschlagen und fest verriegelt wurden. Am Anfang waren zwar der Wunsch und der Wille da, einander ein zu Hause zu geben. Doch irgendwann ließ das Verbindende nach, Worte und Gesten kamen nicht mehr an, die Herzenstüren wurden verschlossen.

Es ist ein großes Glück, wenn es uns Menschen gelingt, ein­ander die Tür ein Leben lang offen zu halten. Wir können uns darum bemühen. Aber garantieren können wir es nicht.

Gott allein kann so ein Versprechen geben. Und er bindet es nicht an ein künftiges Verhalten. Auch, wenn ich mich verän­dere, seine Zusage bleibt: »Meine Tür ist und bleibt offen für dich! Niemand kann sie zuschließen.«

Das ist eine gute Grundlage für mein Leben: Ich bin willkom­men in Gottes Wohnung. Seine Herzenstür steht mir offen. Bei ihm finde ich ein Zuhause, das bleibt.

Wie ist das bei Euch und Ihnen, haben Sie, habt Ihr solche nie verschlossenen Türen, durch die man treten kann und sich angenommen fühlt? Oder habt Ihr sie wenigstens zeitweise kennengelernt? Bei mir sind es neben meiner Familie, besonders meiner Frau und meinen Töchtern, einige wenige Freunde, bei denen ich so ein Erleben habe. Wir sehen uns z.T. jahrelang nicht, weil beide Seiten viel zu tun haben, und wir weit auseinander wohnen.

Und trotzdem ist da ein Gefühl der Vertrautheit, und wir können in unseren Gefühlen und Gesprächen weitermachen, hätten wird gestern erst miteinander gesprochen. Das ist für mich mein Erfahrungshintergrund für das Versprechen Gottes: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.

Für mich ist es Freundschaft, diese Tür, die niemals zugeschlossen wird, eine ganz spezielle Form der Liebe. In dieser Liebe mag es auch um Gefühle gehen oder einmal gegangen sein, aber sie stehen nicht im Vordergrund. Im Vordergrund steht die gemeinsame Geschichte, die manchmal schon in der Schule begonnen hat, und manchmal sogar noch davor. Und sie blieb auch nach der Schule und auch nach dem Studium. Manchmal gingen die Wege über Jahre auseinander, aber wenn etwas war, und der eine oder die andere Hilfe brauchte, dann war man da – und so ganz hat man sich nie aus den Augen verloren. Kennen Sie, kennt Ihr solche Freunde über Jahrzehnte, über fast das ganze Leben? Es sind nicht viele bei mir, aber sind von besonderer Bedeutung und lassen mich ahnen, welche Bedeutung so eine stets offene Tür für mich ist. Es ist vielleicht das größte Geschenk, das ich bekommen kann, das mich trägt, wenn ich allein nicht mehr kann, und umgekehrt es auch nichts gäbe, was ich für diese Menschen nicht tun würde, um ihnen zu helfen.

Ich finde, es ist ein wunderbares Bild für Gott, das Bild eines Freundes, der mitgeht durch dick und dünn, dessen Tür offen bleibt, selbst wenn es Phasen gibt, in denen man sich selten begegnet und manchmal im Alltag fast aus den Augen verliert. Und doch dauert es nur wenige Minuten, wenn man sich wieder begegnet, und die alte Vertrautheit ist wieder da und bleibt.

Nun ja, einen Unterschied gib es zwischen besten Freunden und zwischen Gott und mir! Gott verliert mich nicht aus den Augen, auch wenn ich gerade mit ganz Anderem beschäftigt bin. Ich bin nie ausgeschlossen vom Leben, nie in einer Situation, in der die letzte Tür zufällt!

Jesus hat dazu die wunderbare Geschichte von dem Vater und seinen beiden Söhnen erzählt, von der wir oft nur die eine Seite wahrnahmen, wenn wir der Geschichte die Überschrift: „Der verlorene Sohn“ geben.

Ihr kennt die Geschichte! Reicher Vater mit zwei Söhnen. Der jüngere will in die weite Welt und lässt sich das Erbe vorzeitig auszahlen und geht. Die Botschaft an den Vater: „Du bist für mich gestorben!“ Er sucht das Leben und findet so manches, aber am Ende geht es schief, Konkurs, Schweinehirte (für einen Juden das absolut Letzte, der Hirte von unreinen Tieren zu sein und noch nicht mal ihr Futter zu bekommen!). Dann die Erkenntnis: Da gibt es doch noch den Vater mit weit besseren Lebensbedingungen. Als Sohn bin ich da gestorben, aber ich könnte doch vielleicht als Knecht… ?

Der nächste Teil ist wieder bekannt. Sohn kommt heim, Vater (=Gott!) kriegt sich kaum ein vor Begeisterung, ihn wiederzuhaben, organisiert ein großes Fest und stellt die Stellung des Sohns wieder her. Soweit wird das Gleichnis meist erzählt. Ende gut, alles gut, und Gott hat uns alle lieb! Aber es gibt noch einen Teil, den anderen Bruder, der brav zuhause geblieben ist und nun richtig böse wird, dass für seinen Bruder, diesen Herumtreiber, der das Familienerbe vergeudet hat, so ein Fest gegeben wird. Er spricht nur von „dieser, dein Sohn da“. Er hat seine Tür dem Bruder gegenüber zugemacht und fest verschlossen! Und der Vater versucht, diesem Sohn seine Sicht der Dinge deutlich zu machen, damit auch er mitfeiern kann. Das Gleichnis endet mit einer Frage, die nicht beantwortet wird, weil es die LeserInnen sind, die die Antwort geben müssen. Sie sind der ältere Geschwisterteil!

Und da kommt dann noch eine Seite des: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann zum Tragen. Gott verhält sich so, und er würde sich sehr freuen, wenn wir uns auch so einander gegenüber verhalten. Türen offen halten oder neu öffnen, selbst wenn mein Gegenüber das in meinen Augen vielleicht gar nicht verdient hat. Wie würde sich unsere Welt verändern, wenn die Anzahl der offenen Türen steigen würde?! Und sei es erst einmal nur bei mir?!

Macht doch mal auf und lasst Euch überraschen: Horch, was kommt von draußen rein?

Ihr/Euer Pastor Schnoor